7. Reisebericht: Kolumbien Teil 3

Busdriver from hell
Die Strecke von Sogamosa nach Bucaramanga führt wieder über Tunja und folgt danach nördlich über San Gil. Wir wären lieber über eine alternative Nordostroute gereist. Aber es gibt keine planbaren Busverbindungen und sicherlich schwierige Straßenbedingungen.

Eine enge Taldurchfahrt vor Arcabuco bietet spektakuläre Momente entlang der Steinwände. Das Paramo de Iguaque liegt im Hinterland, das haben wir jetzt fast umrundet. Nur deshalb nimmt man solche Busfahrten auf sich. Nochmal weist ein Straßenschild auf Villa de Leyva. Wehmut kommt auf.  Da der moderne Mercedes-Kleinbus zu Beginn der Fahrt noch nicht komplett mit Fahrgästen gefüllt ist, halten wir an allen kleineren Busbahnhöfen und suchen Mitreisende. Das führt zu Zeitverzögerungen, die der Fahrer zum Ende der Fahrt hin aufzuholen versuchen wird. Als wir über eine Serpentinenstrecke, beim Parque National Chicamocha, die ca. 1000 Höhenmeter hinabführt, in einen Kolonnenverkehr geraten, erleben wir die Höllenfahrt. Nach all unseren Reisen und teilweise abenteuerlichen Busfahrten ... wir haben bislang keinen aggressiveren, rücksichtsloseren und im Blindflug rasenden Busfahrer erlebt. Wir wägen auch kurz ab, einfach auszusteigen. Aber diese Entscheidung wäre noch kritischer, da wir uns im menschenleeren Bergland befinden, die Dämmerung einsetzt und ob uns ein anderer Bus aufnehmen würde, ist unklar. Überholmanöver vor uneinsehbaren Kurven, Wegdrängen anderer Fahrzeuge usw. ... aber wir kommen lebend an. Immerhin sitzt er mit im Bus, das ist der einzige Trost. Unsere Mitreisenden wirken auch nicht sonderlich beunruhigt. 

Aus den geplanten 8 werden unendliche 10 Stunden. Nachdem wir entschieden hatten, seine Fahrweise anzunehmen, können wir unsere Blicke in eine gigantische Bergwelt der Ostkordilliere erst richtig genießen. Lange können wir auch das gigantische Flussbett, das der Rio Umpala in diese Felsen eingefressen hat, bestaunen. Atemberaubend. Sehnsucht.. Ehrlicherweise muss man sagen, dass man sich hier in Richtung der Grenzregion begeben würde. Unsicheres Terrain. Hier leben teilweise Menschengruppen, die nicht immer zivilisierten Gesetzen folgen. Ein einzelnes Menschenleben hat unter Umständen nur wenig Wert. Ohne einheimische Führung nicht empfehlenswert. Aber es kommen bestimmt bessere Tage und wir sind irgendwann wieder hier, auf dem Landweg nach Venezuela.

Wie eine Rummelplatzbeleuchtung wirkt die Weihnachtslichtergestaltung dieser Großstadt Bucamaranga. In dem netten Hotel La Serrania übernachten und essen wir dann ganz entspannt (kaum zu glauben, nach dieser Fahrt). Auf knapp 1000 m üNN sind die Temperaturen bestens. Bevor wir am nächsten Morgen in unseren Flieger nach Cartagena steigen, machen wir einen kurzen Ausflug per Taxi in die historischen Überbleibsel dieser Stadt. Viel ist wirklich nicht zu besichtigen. In einer kleinen, der ältesten Kirche am Parque Garcia Rovira trainieren Familien für die Zeremonie der Kommunion. Wir müssen uns beeilen, um pünktlich zum Flughafen zu gelangen, der auf einer Hochebene liegt. Von hier hat man eine schöne Aussicht über die Stadt und auf die, sie umgebenden Berge.

Bucamaranga Auf nach Cartagena

Auf den Flieger wartend, denken wir an Cartagena ... wir haben den gleichnamigen Film mit C. Lambert und S. Marceau in Erinnerung und freuen uns schon riesig!
Der Flug, in einem Jet-Stream mit zwei Propellern, über eine großteils unbewohnte Ebene Kolumbiens mit unglaublichen Schwemmgebieten aus Seen und Flusslabytinthen zeigt uns, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Zudem soll die mindestens 12-stündige Busfahrt teilweise durch Gebiete, z.B. Mompos verlaufen, die immer noch von Paramilitärs kontrolliert werden. Angeblich für Reisende sicher, aber wir können das schwer einschätzen. Von Nachtfahrten direkt in den Norden wird wegen Überfällen abgeraten. Von Busfahrten haben wir auch erstmal genug. Perfektes Flugwetter ermöglicht eine tolle Sicht. Der Flieger ist nicht vollbesetzt und so können wir auch Fensterplätze der gegenüberliegenden Seite nutzen. Schauen, schauen... Erste Küstenabschnitte, dann taucht Cartagena am Horizont auf.

Cartagena- die Königin der Karibikküste- Hauptstadt des Departamento Bolivar
Nach einer kurzen Taxifahrt vom Flughafen durchfahren wir die Jahrhunderte alte, dicke Stadtmauer und checken mitten in der historischen Altstadt im Hotel Catalina de India in El Centro ein. Ein tolles Zimmer mit Balkon und riesigem Bett im obersten Stockwerk des Kolonialbaus dient uns die nächsten Tage als komfortabler Ausgangspunkt für unsere Entdeckungen.
Der erste Spaziergang durch die faszinierende Stadt in der vorabendlichen Stimmung endet sitzend auf der der Stadtmauer beim Teatro Heridia. Die Liebespaare kuscheln in den Schießscharten. Es ist leider keine mehr frei (.. am nächsten Abend sind wir zeitiger hier...). Wir erleben einen schönen Sonnenuntergang. Das Cafe del Mar bietet, die für diese Tageszeit passenden, leckeren Cocktails an.

Cartagena Cafe del Mar Sonnenuntergang an der Stadtmauer
Von hier aus haben wir auch eine perfekte Sicht auf die zum Lichtermeer entflammte Neustadt. Ein spannender Kontrast.

Auf dem Rückweg gefällt uns ein kleines italienisches Restaurant. Rindfleisch rundet diesen eindrucksvollen Tag ab. Kochen kann man in Kolumbien.

Castillo de San Felipe
Über drei Stunden erkunden wir das größte jemals durch Spanier erbaute Fort auf dem amerikanischen Kontinent.
Der Audioassistent ist absolut empfehlenswert und entführt uns teilweise mit passender Musik untermalt, zurück in die diversen Schlachten, die hier stattfanden. Die Anlage hat mehrere militärisch und strategisch spannende Aspekte zu bieten. Der Besuch ist auch aufgrund der Aussicht auf die geografische Gesamtlage der Stadt sehr empfehlenswert.

Castilo San Felipe San Felipe San Felipe

Wir spazieren gemütlich zurück in die Gassen der Altstadt und erkunden dabei auch gleich die Stadtteile Getsemani und San Diego .

Zwei zwei weitere Tage verweilen wir noch in der Unesco Welterbestätte. Entspannen steht auf unserer Tagesordnung. Wir schreiben und lesen auch (Tipp: Garcia Marquez).
Flanieren ist besonders in der Nachmittags- und Abendzeit angesagt. Denn dann wird es in der turbulenten Touristenmetropole etwas ruhiger und authentischer (außerdem weniger heiss). Wir genießen die sinnliche Atmosphäre in der lauen, nächtlichen Stadt. Die Plätze de Bolivar, de los Coches sind ausnahmsweise recht geschmackvoll weihnachtlich beleuchtet. Das anmutige Cartagena wird eindringliche Spuren in unseren Erinnerungen hinterlassen.

Die geplante weitere Reiseroute führt entlang der nördlichen Küste. Hier könnte ein eigenes Vehikel ideal sein, um individuelle Abstecher einfügen zu können. Wir fühlen uns in Kolumbien mittlerweile mehr als angekommen und auch sicher genug, um einen Mietwagen in Erwägung zu ziehen. Perfekt. Wir cruisen ganz gemütlich durch die trockene Gegend. Hier oben gibt es nach Cartagena kaum Verkehr. Mit entspanntem Fahren beginnt ein weiterer Tag.
Auf der Strecke in Richtung Barranquilla weist ein Schild zum
Schlammvulkan El Totumo
hin.

Schlammvulkan Untergehen kann man nicht

Den Spaß nehmen wir natürlich mit. Der graubraune Schlammpfropfen ragt so unecht in die Umgebung, aber er sieht unverkennbar wie ein kleiner Vulkankegel aus. In Badekleidung und mit einheimischen Helfern erklimmen wir die ca. 20 Meter über eine Holztreppe. Oben schauen wir in das graue Matschbecken, das bis 500m (eventuell 2000m, da sagt jeder was anderes) tief ins Erdinnere ragen soll. Dieser Schlammkegel hat sich vor ca. 50 Jahren dort aus der Erde empor gehoben. Wir steigen in die undefinierbare Masse. Gemischte Gefühle, von angenehm über eklig bis gruselig (in Anbetracht der möglichen Tiefe), alles dabei. Wir gehen tatsächlich nicht unter. Schwimmen ist aber aufgrund des starken Auftriebs auch nicht wirklich möglich. Nach einem halbstündigen Schlammbad rubbeln uns Anwohnerinnen in der unweit befindlichen Süßwasserlagune wieder sauber. Zärtlich geht anders. Für den Rest des Tages nehmen wir diesen, aufgrund des Schwefelgehaltes, leicht fauligen Geruch an uns wahr. Aber was tut man nicht alles für die Gesundheit :-) . An der Küste südlich von Barranquilla übernachten wir eher unspektakulär, immerhin direkt am Meer. Hauptsache die Dusche funktioniert heute. Sandfliegen attackieren uns im Zimmer.

Am nächsten Tag durchqueren wir Barranquilla. Gut, dass wir ein Navi haben. Wir kämpfen uns mitten durch das Chaos der Innenstadt mit einem Gewirr aus Einbahnstraßen und schlängeln uns durch die umtriebigen Einkaufsviertel. Die Stadt Santa Martha streifen wir nur peripher und steuern direkt Tatanga an. Die Bergregion Sierra Nevada De Santa Martha, das höchste Küstengebirge der Welt, mit den höchsten Bergen Kolumbiens 5700 müNN thront im nebeligen Hintergrund.

In der netten Bucht von Tatanga wählen wir unsere heutige Bleibe. Hier steht die Sonne und wir köcheln so vor uns hin. Abends lockt der Strand und in einem netten Restaurant können wir den Tag ausklingen lassen.

Morgen ist der Nationalpark Tayrona unser Ziel. Wir buchen uns im nördlich vom Park gelegenen Küstenabschnitt ein. Ein langer schöner, wilder Strand. Salznebelschwaden ziehen vom Meer über den Strand. Ideal für den romantischen Abendspaziergang. Schwimmen könnte hier aufgrund von Strömungen gefährlich sein. Die kuschelige kleine Anlage mit hervorragend, beinahe luxuriös ausgestatteten Bambushütten liegt etwas oberhalb mit Meeresblick. Das Auto leistet gute Dienste. Alles ist sehr weitläufig und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwerlich zu bereisen. Wir lernen zwei Gummersbacher, Andreas und Sabine, kennen. Mit ihnen starten wir am folgenden Morgen auf unseren vier Rädern in den Nationalpark.

Tayrona NP
Über 8 Stunden sind wir zu Fuß unterwegs. Teilweise geht es über Holztreppen und Stege durch den Flachlandregenwald. Wir treffen mehrmals auf die vom Aussterben bedrohten Baumwolläffchen (Cotton top) oder auch Listaffen. Allerliebst. Ihre Gesichter erinnern an Schrumpfköpfe. Wir beobachten die Gruppen dieser winzigen Kletterer eine Weile. Dabei urinieren sie in unsere Richtung. Das Leitmännchen sieht am imposantesten aus und führt die Truppe.

Tayrona NP Komfortable Hütten
Außerdem gibt es rote Brüllaffen im Geäst. Riesige, glatte Granitfelsen sind überall verstreut und verleihen diesem Fleckchen Erde einen unverwechselbaren Anstrich. Zwischendurch planschen wir im smaragdgrünen Nass vor den schneeweißen Sandbuchten, die teilweise palmengesäumt sind. Paradies. Der Menschenandrang hält sich in Grenzen. Besonders auf dem Rückweg wird es fast menschenleer und mit dem Einsetzen der Dämmerung besonders eindrucksvoll. Zikadengesänge und Vogelgezwitscher. Man könnte noch nach Pueblito, einem Dorf der ansässigen Kongi, wandern. Das schaffen wir zeitlich leider nicht. Aber wir wollen das Gebotene genießen und auch Tiere beobachten. Hetzen ist nicht angebracht, getreu unserem Motto: man kann nie alles... .Einige Kongi, die noch relativ abgeschieden in dieser Region, vorrangig in den Bergen leben, verkaufen frisch gepressten Orangensaft.  Die Menschen sind extrem klein und und an ihren weißen Kleidungsstücken zu erkennen. Außerdem lebt in diesem Gebirge noch das indigene Volk der Arhuaco. Auf ihre hohen, heiligen Berge lassen sie übrigens niemanden kraxeln. Fremde sind im Allgemeinen mehr geduldet und weniger willkommen. Wer in ihre Region reisen möchte, muss anfragen und sich anmelden. Ambivalente Gedanken in Zeiten von weltweiten Flüchtlingsströmen und Willkommenskultur.

Uns Weiße betrachten sie als Unwissende und als zerstörerisch veranlagt. Wenn sie da nicht mal recht haben... .Schwarze und Mestizen gelten als Wurzelose.

Leben im Plastikmüll
Die Zeit in Kolumbien geht dem Ende entgegen. Wir würden gern noch ein paar Tage dranhängen. Der Norden bietet verlockende, wüstenartige Regionen (...auch eher noch unsichere Ecken). Außerdem ist der Flug schon lange gebucht. Die Fahrt zum Flughafen von Barranquilla verläuft nordkolumbianisch entspannt.
Schon bei Hinfahrt sind wir durch Orte bei Chienaga gefahren, die uns die Stimmung kurzzeitig geraubt haben.
Plastik wohin das Auge reicht. Direkt an der Haustür der Wellblechhütte beginnt meist der Müll. Wieder ziehen wir an diesen Müllhalden entlang. Kaum vorstellbar, dass hier Menschen in Würde leben können. So extrem haben wir das in ganz Kolumbien noch nie erlebt.
Ebenso unvorstellbar, warum nicht wenigstens der Dreck vor der eigenen Tür weggeräumt wird ... immerhin, einige wenige Familien bekommen das hin. So ähnliche Lebensumstände haben wir schon mal auf den Phillippinen bei Bootnomaden gesehen. Ob es hier auch um auf Wanderschaft befindliche Menschen handelt, können wir nicht in Erfahrung bringen.

Nach stundenlangem Anstehen, bekommen wir endlich unsere Boardingpässe für unseren Flug nach Trinidad via Curacaou. Über diesen Flug mit extremen Verspätungen und dem letzten Abschnitt, die Karibik berichten wir dann das nächste Mal.

Fazit Kolumbien:
Überraschend tolles Reiseland mit vielen kolonialen Kleinoden, geografisch wird fast die gesamte Bandbreite geboten. Wir erleben freundliche, fleißige und hilfsbereite Menschen mit Nationalstolz. Den Kolumbianern sind die Kultur, die Kunst und das Essen wichtig. Das Preis- Leistungs-Verhältnis stimmt - absolut empfehlenswert . Das Land ist zu unserer Freude noch nicht so stark amerikanisiert. Gerne wieder! Es gibt noch so viel mehr zu sehen. Wir wünschen diesem wunderbaren Flecken Erde mit seinen Menschen einen sicheren Weg in friedliche Zeiten.

Es grüßen
Susan und Knut

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